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Wozu brauchen wir die Religion?

23.01.2020 CJD Elze « zur Übersicht

Warum wir auch heute noch einen dringenden Bedarf an Religion in unserem Alltag haben, darüber referierte eindrucksvoll und überzeugend der bekannte Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann bei seinem Vortrag in der gut besuchten Aula des CJD Elze. Auf Einladung des Religionslehrers Jens Hohmann in Kooperation mit dem Internatsmitarbeiter Ludger Kamphaus (Sozialpsychologe) war der 79-jährige Autor bereitwillig nach Elze gekommen und referierte 90 Minuten frei und flüssig über das Thema „Wozu Religion – Sinnfindung in Zeiten der Gier nach Macht und Geld.“ Wie sich der Bezug zum Begriff „Religion“ in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten verändert hat, steht am Anfang seines Vortrags. „Lesen Sie heute Zeitungen, könnten Sie auf die Idee kommen, Religion sei etwas Gefährliches“, beginnt Dr. Drewermann seinen Vortrag zum Thema. „Denn der Begriff wird zu häufig dazu benutzt, anderen Menschen seinen eigenen als den einzig wahren Glauben aufzuzwingen.“ Außerdem sei mit der Entzauberung der Vorstellungen aus dem Mittelalter die Notwendigkeit, sich mit der Religion auseinanderzusetzen, immer mehr in den Hintergrund getreten, und die Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Leistungsgesellschaft, die in ständigem Konkurrenzkampf mit anderen Nationen steht, fordere junge Menschen eher dazu auf, sich in den naturwissenschaftlichen Fächern weiterzubilden, nicht aber in der Religion. Wieso dann also Religion? Für Dr. Drewermann liegt die Antwort auf der Hand: Einfach deshalb, weil die Naturwissenschaften keine Antwort auf eine einzige Frage in Bezug darauf haben, warum wir Menschen sind bzw. was uns als Menschen betrifft. „Es gibt keine auf Ziele hin ausgerichtete Evolution; dass wir zum homo sapiens sapiens geworden sind, hing von so vielen Zufällen ab, dass wir bei einem Zurückdrehen der Zeit keinesfalls zum selben Ergebnis kommen würden“, erklärte der Theologe. „Die Spezies der Säugetiere hat sich nur entwickeln können, weil das gesamte Mesozoikum durch den Einschlag eines Asteroiden zerstört wurde. Sollen wir nun denken: So macht Gott das? Wie schon Arthur Schopenhauer sagte: ‚Wenn ein Gott so planen würde, sähe er dem Teufel ähnlicher‘.“ Man könne also nicht die Welt mit theologischen Mitteln erklären. Schon Jean-Paul Sartre hatte frühzeitig erkannt, dass es für uns als Menschen keine Notwendigkeit gibt, und Eugen Drewermann erklärte an Hand von ergreifenden Beispielen, wie bitter sich diese Erkenntnis für viele Menschen auf ihre jeweiligen Leben auswirken kann. „Wir sehnen uns nach einer Notwendigkeit für uns, aber wie wir sehen können, kann diese sich nicht aus Kausalzusammenhängen ergeben.“ Das sei genau das, wofür die Religion da sei, nämlich als eine Stimme, die uns sagt: ‚Natürlich muss es dich nicht geben, aber ich möchte, dass du bist‘. Dann ergebe sich eine Notwendigkeit für unser Dasein, die frei ist von allen Nützlichkeitsfragen, voll Würde für jeden einzelnen, mit dem Wissen, dass man etwas Einmaliges und Kostbares ist. Und die Religion hat dann die Aufgabe, genau diese Erkenntnis, die Bejahung unseres Daseins, allen Menschen zu vermitteln. Auch die Ethik oder die Moral können Religion in dieser Form nicht ersetzen. Mit Hilfe der Geschichte von Kain und Abel erklärt Drewermann die Ohnmacht des Ethischen. Trotz des Konkurrenzkampfs mit seinem Bruder möchte Kain gut sein, er bringt Opfer, er redet mit Abel, aber dann übermannt ihn die Wut wegen der empfundenen Ungerechtigkeit, und er handelt böse. Auch hier hätte eine Stimme geholfen, die sagt: ‚Miss dich nicht mit deinem Bruder, das ist nicht notwendig. Du bist gewollt, genau so, wie du bist. Du wirst nicht bewertet.‘ Dass Menschen über ihre Handlungen frei entscheiden können, sei ein bürgerliches Vorurteil. Wenn sie also Böses tun, haben sie sich bewusst dafür entschieden und müssen bestraft werden, das ist unsere Vorstellung. „Damit tun wir den Menschen unrecht. Der Hauptgrund, warum Jesus getötet wurde, liegt darin, dass er dies gerade nicht vertreten hat. Menschen, die Böses tun, sind nicht böse in sich, sondern sie sind durch ihre Vorgeschichte dazu gebracht worden, und es ergibt sich die Aufgabe, sich zu fragen, wie ein Mensch dahin kommt, und Vergebung zu üben.“ Auch die Vorstellung, aus ethischen Gründen Kriege zu rechtfertigen, kann demnach nur völlig irrig sein, denn es ist nicht logisch, dass die Aussage ‚Wir sind besser als die anderen‘ auch nur ansatzweise stimmen könne. „Jede Kriegserklärung ist ein Todesurteil für Unschuldige. Diese haben nicht böse gehandelt. Wir lernen das Gutsein nur durch Güte, die Ethik braucht die Religion, denn ohne Religion macht sie uns fanatisch, sie polarisiert nur“, appelliert er. Viele seiner Thesen belegt Drewermann mit Bibelzitaten, und seine etwas andere Auslegung der Heiligen Schrift hatte unter anderem dazu geführt, dass ihm im Jahre 1991die katholische Lehrbefähigung entzogen und er 1992 vom Priesteramt suspendiert wurde. Doch mit seinen immer spannenden und inhaltlich nachvollziehbaren Argumenten sowie mit seiner faszinierenden und fesselnden Persönlichkeit konnte er die etwa 450 Gäste in der Aula des CJD begeistern, er erhielt stehende Ovationen, und der tosende Applaus zeigte, dass er mit Sicherheit bei vielen Besuchern einen Nerv getroffen hat.

Zur Freude vieler Besucher hatte die Gronauer Buchhandlung einen Stand mit Büchern Eugen Drewermanns im Foyer der Sporthalle aufgestellt. Eine große Anzahl der Gäste nutzte die Chance, eines davon zu erstehen. Und Dr. Eugen Drewermann nahm sich die Zeit, diese dann auch nach Wunsch zu signieren - ein Angebot, das von vielen wahrgenommen wurde.

Das war ein ganz besonderes Erlebnis, das allen lange im Gedächtnis bleiben wird!